22
Mar
10

Aktuelles aus dem Vatikan

http://www.zenit.org/article-20114?l=german

Die dunkelste Stunde der Christenheit: Brief über einen schmerzlichen Verrat

P. Frederico Lombardi, Pressesprecher des hl. Stuhls

ROM, 20. März 2010 (ZENIT.org).- Der Papst hat einen Hirtenbrief an alle Katholiken Irlands geschrieben, in dem er seine Bestürzung über den sexuellen Missbrauch junger Menschen durch Vertreter der Kirche und über die Art, wie dem von den Ortsbischöfen und Oberen der Ordensgemeinschaften begegnet wurde, Ausdruck verleiht. Er bittet, dass dieser Brief aufmerksam und vollständig gelesen wird. Der Heilige Vater spricht von seiner Nähe im Gebet zur gesamten irischen katholischen Gemeinschaft in dieser schmerzvollen Zeit und schlägt einen Weg der Heilung, der Erneuerung und der Wiedergutmachung vor.

Er ruft sie dazu auf, sich an den Felsen zu erinnern, aus dem sie gehauen ist (Jesaja 51:1), besonders der besonderen Beiträge irischer Missionare für die europäische Zivilisation und in der Verbreitung des Evangeliums auf jedem Kontinent. Vergangene Jahre haben im Zuge des schnellen sozialen Wandels viele Anfechtungen des Glaubens in Irland gesehen und eine Abnahme der Beachtung traditioneller Frömmigkeitsformen und sakramentaler Bräuche. Dies ist der Kontext, in dem der Umgang der Kirche mit dem Problem des sexuellen Missbrauchs von Kindern verstanden werden muss.

Viele Faktoren haben zum Problem beigetragen: nicht ausreichende moralische und geistliche Ausbildung in Seminarien und Noviziaten, eine Tendenz in der Gesellschaft, zum Klerus und anderen Autoritäten aufzuschauen, und eine fehlgeleitete Sorge um die Reputation der Kirche und der Vermeidung von Skandalen; dies alles resultierte in einem Versagen, bestehende kirchenrechtliche Strafen bei Bedarf anzuwenden. Nur durch sorgfältige Untersuchung der vielen Elemente, die zur Krise beigetragen haben, können ihre Ursachen korrekt diagnostiziert und effektive Abhilfe geschaffen werden.

Während des Ad Limina Besuchs in Rom 2006 hat der Papst die irischen Bischöfe dazu aufgefordert, die „Wahrheit über das herauszufinden, was in der Vergangenheit geschehen ist, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, damit so etwas nie wieder vorkommen kann, sicherzustellen, dass die Prinzipien des Rechts voll respektiert werden und – vor allem – den Opfern und allen, die von diesen ungeheuerlichen Verbrechen betroffen sind, Heilung zu bringen.” Seitdem hat der Papst selbst mehrere male Opfer getroffen, ihre Geschichten gehört, mit ihnen und für sie gebetet, und er ist bereit, das in Zukunft wieder zu tun. Im Februar 2010 hat er die irischen Bischöfe nach Rom gerufen, um mit ihnen die Maßnahmen zu diskutieren, die sie zur Lösung des Problems getroffen haben, unter besonderer Betrachtung der Verfahren und Ordnungen, die im Augenblick gelten, um die Sicherheit von Kindern in kirchlichen Einrichtungen zu gewährleisten und schnell und gerecht auf Anschuldigungen von Missbrauch zu reagieren. In seinem Hirtenbrief spricht er verschiedene Gruppen innerhalb der irischen katholischen Gemeinschaft im Licht der augenblicklichen Situation direkt an.

Sich zuerst an die Opfer wendend gibt er den schmerzlichen Verrat zu, den sie erleiden mussten, und er sagt ihnen, wie Leid ihm alles tut, was sie ertragen mussten. Er sieht, dass in vielen Fällen den Opfern niemand zuhören wollte, wenn sie den Mut gefunden hatten, über das zu sprechen, was geschehen ist. Er versteht, wie diejenigen, die in Heimen oder Internaten gelebt haben, das Gefühlt hatten, dass es kein Entkommen aus ihrem Leid gibt. Er erkennt an, wie schwer es für viele von ihnen sein muss, der Kirche zu vergeben oder sich mit ihr zu versöhnen, und er bittet sie, die Hoffnung nicht aufzugeben. Jesus Christus, selbst Opfer ungerechten Leidens, versteht die Tiefe ihres Schmerzes und dessen andauernde Wirkung auf ihr Leben und ihre Beziehungen. Aber seine Wunden, verwandelt durch sein erlösendes Leiden, sind das Mittel, durch das die Kraft des Bösen gebrochen ist und wir zu neuem Leben und zur Hoffnung neu geboren sind. Der Papst bittet die Opfer, in der Kirche die Begegnung mit Jesus Christus zu suchen und dort Heilung und Versöhnung in der Wiederentdeckung der unendlichen Liebe zu finden, die Christus für jeden von ihnen hat.

In seinen Worten an die Priester und Ordensleute, die junge Menschen missbraucht haben, fordert der Papst sie auf, Rechenschaft für ihre begangenen Sünden abzulegen vor Gott und vor den zuständigen Gerichten. Sie haben das heilige Vertrauen verraten und Schande und Unehre auf ihre Mitbrüder gebracht. Großer Schaden wurde angerichtet, zuerst an den Opfern, dann aber auch an der Wahrnehmung des Priestertums und des Ordenslebens in Irland. Auch wenn er sie auffordert, sich den Forderungen der Justiz zu stellen, erinnert er sie, dass sie an Gottes Gnade nicht verzweifeln sollen, eine Gnade, die frei auch dem größten Sünder geschenkt wird, wenn er seine Handlungen bereut, Buße tut und demütig um Vergebung bittet.

Der Papst ermutigt Eltern, standhaft zu sein in der anspruchsvollen Aufgabe, Kinder groß zu ziehen, so dass sie sich geliebt und geschätzt wissen und einen gesunden Selbstwert entwickeln. Eltern haben die erste Verantwortung für die Erziehung von nachfolgenden Generationen in den moralischen Prinzipien, die wesentlich sind für eine zivilisierte Gesellschaft. Der Papst läd Kinder und junge Menschen ein, in der Kirche eine Möglichkeit für eine lebendige Begegnung mit Christus zu suchen und sich nicht vom angerichteten Übel einiger Priester und Ordensleute abschrecken zu lassen. Er hofft, dass die jüngere Generation zur Erneuerung der Kirche beiträgt. Er fordert ebenfalls Priester und Ordensleute auf, sich nicht entmutigen zu lassen, sondern sich neu ihren jeweiligen Aufgaben zu widmen, in Übereinstimmung mit ihren Oberen zu arbeiten um der Kirche in Irland neues Leben und Vitalität durch ihr lebendiges Zeugnis für die Erlösungstat des Herrn zu schenken.

An die irischen Bischöfe gewand nennt der Papst die schwerwiegenden Fehlurteile und den Mangel an Leitung vieler, indem sie sich in der Behandlung der Missbrauchsvorwürfe nicht korrekt an die kirchenrechtlichen Verfahren gehalten haben. Auch wenn es schwer war, das richtige Handeln in den komplexen Situationen zu erkennen, bleibt es eine Tatsache, dass schwere Fehler gemacht wurden, und im Ergebnis haben sie Glaubwürdigkeit verloren.

Der Papst fordert sie auf, ihre entschiedenen Anstrengungen zur Besserung vergangener Fehler fortzusetzen und mit den staatlichen Autoritäten zu kooperieren. Er ruft die Bischöfe auch dazu auf, sich erneut dem Streben nach Heiligkeit zu widmen und so selbst ein Beispiel zu geben, und auch dazu, die Priester und die Gläubigen zu ermutigen, ihren Teil am Leben und der Mission der Kirche beizutragen.

Schließlich schlägt der Papst einige konkrete Maßnahmen für die Erneuerung der Kirche in Irland vor. Er bittet alle, ihre Freitags-Buße für die Dauer eines Jahres der Wiedergutmachung der Sünden des Missbrauchs zu widmen. Er empfiehlt eine häufigere Inanspruchnahme des Sakraments der Versöhnung und der eucharistischen Anbetung. Er kündigt seine Absicht an, eine Apostolische Visitation bestimmter Bistümer, Seminarien und Religionsgemeinschaften unter Mitarbeit der römischen Kurie abzuhalten. Und schließlich schlägt er eine landesweite Mission für Bischöfe, Priester und Ordensleute in Irland vor. Da dies das Jahr des Priesters ist, stellt er den heiligen Jean-Marie Vianney als Vorbild und Fürsprecher für ein neu belebtes Priestertum in Irland vor. Nach seinem Dank an alle, die hart daran gearbeitet haben, entschieden mit dieser Frage umzugehen, schließt er mit einem Gebet für die Kirche Irlands für alle Gläubigen, um für die Gnade der Heilung und Erneuerung in dieser schwierigen Zeit zu beten.

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http://www.zenit.org/article-20113?l=german&utm_campaign=germanweb&utm_medium=article&utm_source=zenit.org/g-20113

Papst Benedikt XVI.: Im Namen der Kirche drücke ich offen die Schande und die Reue aus, die wir alle fühlen

An die Opfer des Missbrauchs und ihre Familien

ROM, 20. März 2010 (ZENIT.org).-“Im Namen der Kirche drücke ich offen die Schande und die Reue aus, die wir alle fühlen”, mit diesen Worten hat Papst Benedikt XVI. sich heute vor der Weltöffentlichkeit in einem Schreiben an die an die Opfer des Missbrauchs und ihre Familien gewandt. In dem an die Katholiken in Irland gerichteten Schreiben, das der Papst gestern unterzeichnet hat, geht der Papst unmittelbar auf das persönliche Leide der Opfer von Missbrauch ein:”Ihr habt viel gelitten und ich bedaure das aufrecht. Ich weiß, dass nichts das Erlittene ungeschehen machen kann. Euer Vertrauen wurde verraten und eure Würde wurde verletzt”, erklärte Benedikt. “Es muss dringend gehandelt werden um diese Faktoren anzugehen, die so tragische Konsequenzen in den Leben von Opfern und ihrer Familien hatten und die das Licht des Evangeliums in einer solchen Weise verdunkelt haben, wie es noch nicht einmal Jahrhunderten der Verfolgung gelungen ist”.

“Viele von Euch mussten erfahren, dass, als Ihr den Mut gefunden habt, über das zu spreche, was euch zugestoßen ist, Euch niemand zugehört hat”, so der Papst.

“Diejenigen von euch, denen das in Wohnheimen und Internaten geschehen ist, müssen gefühlt haben, dass es kein Entkommen gibt aus Eurem Leid”. Es sei verständlich, dass es anbetracht der erlebten Verbrechen “schwer für Euch ist, der Kirche zu vergeben oder sich mit ihr zu versöhnen”, erklärte das geistliche Oberhaupt der Katholiken. “Im Namen der Kirche drücke ich offen die Schande und die Reue aus, die wir alle fühlen”.

“Ich weiß, dass es einigen von euch schwer fällt durch die Türen der Kirche zu gehen nach allem, was passiert ist”, so der Papst.

Der Papst gab zu, daß Missbrauch durch “unangemessene Verfahren zur Feststellung der Eignung von Kandidaten für das Priesteramt und das Ordensleben” favorisiert worden ist. Dazu kämen “nicht ausreichende menschliche, moralische, intellektuelle und geistliche Ausbildung in Seminarien und Noviziaten; eine Tendenz in der Gesellschaft, den Klerus und andere Autoritäten zu favorisieren; und eine fehlgeleitete Sorge für den Ruf der Kirche und die Vermeidung von Skandalen, die zum Versagen in der Anwendung bestehender kanonischer Strafen und im Schutz der Würde jeder Person geführt hat”.

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http://www.zenit.org/article-20111?l=german

Schmerz, Anteilnahme, Heilung, Erneuerung: Der Papstbrief und die Missbrauchsfälle

Pressesprecher des hl. Stuhls, Frederico Lombardi SJ kommentiert Biref des Papstes an die Kirche von Irland

ROM, 20. März 2010 (ZENIT.org).- Mit einer bisher einzigartigen Medienoffensive kommentiert der Vatikan den heute veröffentlichten Brief zum Thema Missbrauch an die Kirche von Irland. In einer Videobotschaft kommentiert der Pressesprecher des hl. Stuhls, P. Federico Lombardi SJ die Stellungnahme von Papst Bendikt XVI. zum Missbrauchskandal und die reinigende Krise, die innerhalb der europäischen Kirche ausgelöst wurde. Das auf Deutsch gehaltenen Statement kann man in der neuen Internet-Mediothek des Vatikans abrufen: http://www.vatican.va/resources/video/Lombardi_ge.wmv

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Liebe Freunde, mein Name ist Pater Federico Lombardi, Leiter des vatikanischen Pressesaals, und ich wende mich an Sie, um Ihnen ein lang erwartetes Dokument des Papstes vorzustellen.

Der Brief des Papstes an die Katholiken Irlands über die Krise, in die die Kirche des Landes über den sexuellen Missbrauch gestürzt ist, ist ein eindrucksvolles Dokument. Es zeigt seinen Schmerz und seine persönliche Anteilnahme am Bemühen um Wiedergutmachung, Heilung und Erneuerung.

Seine Worte wenden sich zunächst an die Opfer und zeigen eine tiefe Anteilnahme an ihrem Leiden. Er versteht ihre Enttäuschung, weil das Vertrauen, das sie in die Vertreter der Kirche gesetzt hatten, verraten wurde. Der Papst, der bereits in der Vergangenheit Missbrauchsopfer getroffen hat, in den USA, in Australien und auch hier in Rom, ist bereit, das in der Zukunft wieder zu tun.

Die Worte, die sich an die Schuldigen richten, sind sehr schwerwiegend. Der Papst betont, dass sie ihre Sünde und ihre Verbrechen vor Gott und vor den zuständigen Gerichten verantworten müssen. Aber auch wenn sie sich der Rechtsprechung unterwerfen müssen, erinnert er sie daran, dass sie nicht an der Güte Gottes zweifeln dürfen und Buße tun müssen.

Andere Worte des Papstes sind eine Ermutigung und eine Einladung zur Verantwortung. Sie richten sich an die Eltern, die Jugend, an die Priester und an alle Gläubigen.

In seinen Worten an die Bischöfe richtet er an sie eine ernste Ermahnung, die Fehler in der Leitung ihnen anvertrauter Menschen wahrzunehmen. Der Papst besteht darauf, dass sie streng die Strafvorschriften der Kirche in Missbrauchsfällen umsetzten und mit den staatlichen Justizbehörden und Institutionen zum Kinderschutz kooperieren.

Der Papst schlägt auch konkrete geistliche und pastorale Initiativen der Buße und der geistlichen Erneuerung vor.

Wie sein Besuch in den Vereinigten Staaten der Ortskirche geholfen hat, sich aus einer ähnlichen Krise zu erheben und sich mit erneuertem Vertrauen auf den Weg zu machen, so soll auch dieser Brief an die Gläubigen Irlands den Anfang eines neuen Weges aufzeigen.

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http://www.zenit.org/article-20110?l=german

Ökumene: Papst Benedikt XVI. bekundet Dankbarkeit dafür, daß es wirkliche Einheit gibt

Ansprache beim Besuch der Lutherisch-evangelischen Gemeinde in Rom

ROM, 20. März 2010 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Transkription der freiformulierten Rede, die Papst Benedik XVI.beim Besuch der lutherisch-evangelischen Gemeinde in Rom gehalten hat.

BESUCH DER EVANGELISCH-LUTHERISCHEN GEMEINDE ROMS

ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.

Sonntag, 14. März 2010

Bilder von der Feier

Liebe Schwestern und Brüder!

Von Herzen möchte ich der ganzen Gemeinde, ihren Verantwortlichen, besonders Herrn Pfarrer Kruse danken, daß Sie mich eingeladen haben, mit Ihnen zusammen Laetare zu feiern, den Tag, an dem die Hoffnung das Bestimmende ist, die auf das Licht hin schaut, das von der Auferstehung Christi her mitten in die Dunkelheiten unseres Alltags, in die ungelösten Fragen unseres Lebens hereinfällt. Sie, lieber Herr Pfarrer Kruse, haben uns die Botschaft der Hoffnung vom heiligen Paulus her ausgelegt. Das Evangelium aus Johannes 12, das ich versuchen darf auszulegen, ist auch ein Evangelium der Hoffnung und zugleich ein Evangelium vom Kreuz. Beides gehört zusammen: Weil es vom Kreuz ist, spricht es von der Hoffnung, und weil es Hoffnung schenkt, muß es vom Kreuz reden.

Johannes erzählt uns, daß Jesus nach Jerusalem hinaufgestiegen war, um das Pascha zu feiern, und sagt dann: „Es waren auch einige Griechen da, die gekommen waren, um beim Fest anzubeten.” Es waren sicher Menschen aus der Gruppe der sogenannten phoboumenoi ton Theon, der Gottesfürchtigen, die über den Polytheismus ihrer Welt hinaus auf der Suche waren nach dem wirklichen Gott, der wahrhaft Gott ist, nach dem einen Gott, dem die ganze Welt gehört und der der Gott aller Menschen ist. Und sie hatten diesen Gott, nach dem sie fragten und suchten, nach dem im Stillen jeder Mensch ausschaut, in der Bibel Israels gefunden, dort den Gott erkannt, der die Welt geschaffen hat. Er ist der Gott aller Menschen und hat sich zugleich ein konkretes Volk und einen Ort erwählt, um von dort aus unter uns gegenwärtig zu sein. Es sind Gottsuchende, und sie sind nach Jerusalem gekommen, um den einen Gott anzubeten, um dessen Geheimnis sie irgendwie wissen. Der Evangelist erzählt uns des weiteren, daß diese Menschen von Jesus hören, zu Philippus, dem Apostel aus dem halb griechisch sprechenden Betsaida, kommen und sagen: „Wir möchten Jesus sehen.” Ihre Sehnsucht, Gott zu erkennen, drängt sie dazu, Jesus sehen zu wollen, von ihm her Gott näher kennenzulernen. „Wir möchten Jesus sehen”: ein Wort, das auch uns berührt, denn wir alle möchten ihn immer mehr wirklich sehen und erkennen. Ich denke, diese Griechen gehen uns in doppelter Weise an: Auf der einen Seite ist ihre Situation auch die unsere, auch wir sind Pilgernde mit der Frage nach Gott, auf der Suche nach Gott. Und auch wir möchten Jesus näher kennenlernen, ihn wirklich sehen. Aber zugleich gilt, daß wir wie Phillipus und Andreas Freunde Jesu sein sollten, die ihn kennen und die anderen den Weg zu ihm öffnen können. Und darum, denke ich, sollten wir in dieser Stunde beten: Herr, hilf uns, Menschen unterwegs zu dir zu sein. Herr schenke uns, daß wir dich mehr sehen dürfen. Hilf uns, deine Freunde zu sein, die anderen Menschen die Tür zu dir hin auftun. Ob es zu einer Begegnung Jesu mit diesen Griechen gekommen ist, erzählt uns der heilige Johannes nicht. Die Antwort Jesu, die er uns berichtet, greift weit über den Augenblick hinaus. Es ist eine doppelte Antwort: Er spricht von der Herrlichkeit Jesu, die nun beginne. „Die Stunde ist gekommen, daß der Menschensohn verherrlicht wird” (V. 23). Der Herr verdeutlicht dieses Wort von der Herrlichkeit mit dem Gleichnis vom Weizenkorn: „Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht” (V. 24). Das Weizenkorn muß in der Tat sterben, in der Erde gleichsam aufgebrochen werden, damit es die Kräfte der Erde in sich hineinziehen und so zu Halm und zu Frucht werden kann. Beim Herrn ist dies ein Gleichnis für sein eigenes Geheimnis. Es selber ist das von Gott gekommene Weizenkorn, das göttliche Weizenkorn, das sich in diese Erde hineinfallen läßt, das sich aufreißen, aufbrechen läßt im Tode und gerade dadurch offen wird und so in die Weite der Welt hinein Frucht bringen kann. Nun geht es nicht mehr nur um eine Begegnung mit diesem oder jenem Menschen für einen Augenblick. Nun, als der Auferstandene ist er neu und überschreitet die Grenze von Orten und Zeiten. Nun kommt er wirklich zu den Griechen. Nun zeigt er sich ihnen und spricht mit ihnen, und sie sprechen mit ihm, und so erwächst Glaube, wächst die Kirche aus allen Völkern, die Gemeinschaft des auferstandenen Jesus Christus, die sein lebendiger Leib wird, Frucht des Weizenkorns. Wir dürfen in diesem Gleichnis auch das Geheimnis der Eucharistie angedeutet finden: Er, der das Weizenkorn ist, fällt in die Erde hinein und stirbt. Und so entsteht die heilige Brotvermehrung der Eucharistie, in der er Brot wird für die Menschen aller Zeiten und aller Orte.

Was hier der Herr über sich selber mitteilt in diesem christologischen Gleichnis, das wendet er dann in zwei weiteren Sprüchen auf uns an, indem er sagt: „Wer sein Leben liebt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt haßt, wird es bewahren bis ins ewige Leben” (V. 25). Wenn wir das hören, gefällt es uns nicht, glaube ich, im ersten Augenblick. Wir möchten zum Herrn sagen: Was sagst du denn da, Herr? Sollen wir unser Leben, uns selbst hassen? Ist nicht unser Leben eine Gabe Gottes? Sind wir nicht nach deinem Ebenbild geschaffen? Sollen wir nicht dankbar und froh sein, daß du uns das Leben geschenkt hast? Aber das Wort Jesu hat eine andere Bedeutung. Selbstverständlich hat uns der Herr das Leben gegeben, damit wir dankbar sind. Dankbarkeit und Freude sind Grundhaltungen der christlichen Existenz. Ja, wir dürfen froh sein, weil wir wissen: Dieses mein Leben ist von Gott. Es ist nicht sinnloser Zufall. Ich bin gewollt und ich bin geliebt. Wenn Jesus sagt, ihr sollt euer eigenes Leben hassen, meint er etwas ganz anderes. Er denkt hier an zwei Grundhaltungen. Die eine ist die, daß ich mein Leben für mich haben möchte, daß ich mein Leben gleichsam als meinen Besitz, mich selbst als meinen Besitz betrachte. Daß ich das Leben, das es gibt, möglichst ausschöpfen möchte, um viel gelebt zu haben, für mich selbst zu leben. Wer dies tut, wer in sich hineinlebt und auf sich schaut und nur sich will, der findet sich nicht, der verliert sich. Gerade umgekehrt ist es: Leben nicht nehmen, sondern geben. Das sagt uns der Herr. Und nicht, indem wir das Leben uns nehmen, empfangen wir es, sondern indem wir es geben, indem wir uns überschreiten, indem wir nicht umschauen nach uns selbst, sondern in der Demut der Liebe uns dem anderen zueignen, unser Leben an ihn und an die anderen übergeben. So werden wir reich im Weggehen von uns selbst, im Freiwerden von uns selbst. Im Schenken des Lebens und nicht im Nehmen empfangen wir wirklich Leben.

Der Herr fährt dann fort und sagt uns in einem zweiten Spruch: „Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein. Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren” (V. 26). Dieses Sich-Geben, das in Wirklichkeit einfach das Wesen der Liebe ist, ist mit dem Kreuz identisch. Denn Kreuz ist nichts anderes als eben dieses Grundgesetz des gestorbenen Weizenkorns, dieses Grundgesetz der Liebe: daß wir nur im Schenken unserer selbst wir selbst werden. Aber nun fügt der Herr hinzu, daß dieses Sich-Schenken, dieses Annehmen des Kreuzes, dieses Weggehen von uns selber, ein Mitgehen mit ihm ist, daß wir ihm nachgehend und ihm nachfolgend diesen Weg des Weizenkorns, den Weg der Liebe finden, der zunächst ein Weg der Drangsal und der Mühe scheint, doch gerade so der Weg der Erlösung ist. Zum Weg des Kreuzes, der der Weg der Liebe ist, des Sich-Verlierens und Schenkens, gehört die Nachfolge, das Mitgehen mit ihm, der selbst der Weg ist und die Wahrheit und das Leben. In diesem Begriff der Nachfolge ist zugleich eingeschlossen, daß sie im Wir geschieht, daß nicht jeder seinen Christus, seinen Jesus hat, daß wir ihm nur nachfolgen können, wenn wir miteinander mit ihm gehen, indem wir uns in dieses Wir hineingeben und mit ihm zusammen seine schenkende Liebe erlernen. Nachfolge geschieht im Wir. Zum Christsein gehört das Wir-Sein in der Gemeinschaft seiner Jünger. Und da steht die Frage der Ökumene in uns auf: die Trauer darüber, daß wir dieses Wir zerrissen haben, daß wir doch den einen Weg in mehrere Wege zerteilen, und so das Zeugnis verdunkelt wird, das wir damit geben sollten, und die Liebe selbst nicht ihre volle Gestalt finden kann. Was sollen wir dazu sagen? Wir hören heute viele Klagen, die Ökumene sei zum Stillstand gekommen, Vorwürfe gegenseitig; ich denke aber, zu allererst sollten wir doch dankbar werden, daß es soviel Einheit gibt.

Es ist doch schön, daß wir heute, an Laetare, hier miteinander beten, miteinander die gleichen Lieder singen, miteinander das gleiche Wort Gottes anhören, es miteinander auszulegen und zu verstehen suchen dürfen, daß wir auf den einen Christus hinschauen, den wir sehen und dem wir gehören wollen, und daß wir so doch Zeugnis davon geben, daß er der Eine ist, der uns alle gerufen hat und dem wir im Tiefsten alle zugehören. Ich glaube, wir sollten vor der Welt vor allem dies sichtbar machen: nicht allerlei Zank und Streit, sondern die Freude und die Dankbarkeit dafür, daß der Herr uns dies schenkt und daß es wirkliche Einheit gibt, die immer tiefer werden kann und die immer mehr auch zum Zeugnis für das Wort Christi, für den Weg Christi werden soll in dieser Welt. Natürlich dürfen wir uns damit nicht zufrieden geben, auch wenn wir voller Dankbarkeit sein sollen für diese Gemeinsamkeit. Daß wir dennoch in wesentlichen Dingen, in der Feier der heiligen Eucharistie nicht den gleichen Kelch trinken können, nicht am gleichen Altar stehen, muß uns mit der Trauer erfüllen, daß wir Schuld auf uns laden, daß wir das Zeugnis verdunkeln; es muß uns innerlich unruhig machen, auf dem Weg zu mehr Einheit zu sein in dem Wissen, daß zuletzt nur er sie schenken kann, denn eine Einheit, die wir selbst aushandeln würden, wäre menschengemacht und so brüchig, wie alles, was Menschen machen. Wir geben uns ihm, suchen ihn immer mehr zu kennen und zu lieben, ihn zu sehen, und überlassen ihm, daß er uns damit wirklich ganz zur Einheit führt, um die wir in dieser Stunde in aller Dringlichkeit zu ihm beten.

Liebe Freunde, noch einmal möchte ich Ihnen danken für die Einladung, die Sie mir hierher geschenkt haben, danken für die Herzlichkeit, mit der Sie mich empfangen haben – auch für Ihre Worte, liebe Frau Dr. Esch; danken, daß wir miteinander beten und singen durften. Beten wir füreinander, beten wir miteinander, daß der Herr uns Einheit schenke und daß er der Welt hilft, daß sie glaube. Amen.

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